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038. Fiction: Mors certa, hora incerta

Mors certa, hora incerta
Original: Schalmeienklänge (mine) | Feobar, der Gevatter, Fina | death, obviously PG-13 | german | 742 words

Er lag auf der Wiese und lauschte den Raben, die in den Bäumen am Bach schrien.
Sieben Stimmen – Unauffälligkeit war noch nie seine Stärke gewesen.

Feobar seufzte. Auch damals hatte er seine Raben geschickt, an dem Tag, in der alles angefangen hatte.

Regen und Sturm wären passender gewesen als ein warmer Sonnenuntergang, dachte der Junge, der am Fenster saß und seine Mutter weinen hörte, die unruhigen Schritte seines Vaters, und das müde, leise wimmern seiner Schwester.
Das Fieber würde sie dahinraffen. So wie all die anderen, die Jungen, die Alten. Ihm konnte niemand entgehen.
Er hob den Kopf, als sich die Tür der kleinen Kate mit einem Knarren öffnete. Offenbar fanden es die Menschen angenehmer, wenn er das Gesicht zu ihnen drehte, wenn er mit ihnen sprach. Sie „anschaute“, wie seine Mutter ihm immer wieder eingeschärft hatte.

Feobar fiel fast vom Fensterbrett, als er dort tatsächlich jemanden stehen sah.

Der turmgroße, dürre Mann trug einen braunen, groben Mantel, die Kapuze hatte er tief ins Gesicht gezogen, die Ärmel verdeckten seine Hände. Er hielt eine Laterne, deren flackernder Schein sich im Nichts verlor.
Feobar musste nicht fragen, wer er war.

„Jetzt nimmst du sie mit, oder?“
Der Gevatter nickte. Feobar hörte, dass sein Vater stehen blieb. Er spürte, wie er ihn anstarrte. Natürlich. Immerhin unterhielt er sich gerade mit der geschlossenen Tür.
„Komm mit raus.“
Wenn der Gevatter erstaunt war, von einem Vierzehnjährigen herumkommandiert zu werden, ließ er es sich nicht anmerken. Wortlos folgte er Feobar nach draußen.

Feobar spürte die Erde des Hofs, dann das weiche Gras unter den Füßen, spürte den Schatten der Bäume auf der Haut. Ein paar Raben schrien unruhig auf.
„Ich will nicht, dass du sie mitnimmst. Fina ist noch so jung.“
„Ihre Zeit ist gekommen.“
„Und wenn ich dich nicht lasse?“
„Eine Seele wird heute dieses Haus verlassen.“
„Dann nimm mich mit.“
„Bist du nicht jung?“
Energisch schüttelte er den Kopf. Fina war neun. Ein Kind. Er war vierzehn. Er war ein Mann. Ein Spielmann. Im vergangenen Jahr war er das erste Mal mit den Spielleuten durch das Land gezogen, er war nur zurückgekehrt, weil er von dem Fieber gehört hatte, das die Menschen dahinraffte. „Ich verspreche dir meine Seele. Aber ich fordere auch mein Recht.“
Der Gevatter schwieg einen Moment lang. Jetzt war er tatsächlich erstaunt. „Du forderst, als Spielmann um sein Leben zu würfeln?“
„Sieben Jahre. Wie es das Recht verlangt.“
„Wenn du verlierst, wirst du mich begleiten.“
„Wenn ich gewinne, erhalte ich einen Aufschub von sieben Jahren. Dann würfeln wir weiter. Jetzt wirf.“
Lange sah der Gevatter ihn aus dem Schatten seiner Kapuze heraus an. Der Mut dieses Jungen imponierte ihm. Die Knochenwürfel erschienen wie aus dem nichts in seinen Fingern und sie klapperten, als sie auf den schwarzen Boden fielen.
Feobar grinste. „Das war kein guter Wurf.“ Er hätte das auch bei drei Sechsen gesagt. Flink klaubte der Junge die bleichen Würfel auf, betastete sie, um sie anzusehen, rein aus Gewohnheit, dann ließ er sie fallen.
Er wusste, dass der Gevatter lächelte. „Du hast gewonnen.“
„Sieben Jahre. Und Fina bleibt hier.“
„Ich halte mein Wort.“
„Ich meines auch.“ Die Würfel verschwanden aus seinen Fingern, als der Gevatter an ihm vorbeiging.

In der Hütte hörte er seine Mutter schreien, als Fina sich aufsetzte.


„Woran denkst du?“
Feobar setzte sich auf, als seine Schwester die Hand auf seine Schulter legte. Versunken in Gedanken hatte er ihre Schritte erst gehört, als sie fast bei ihm angelangt war.
„Nichts.“
Sie setzte sich neben ihn. Fina war es gewohnt, dass er sie anlog. „Wann ziehst du wieder los?“
„Bald.“ Er klatschte in die Hände und die Raben meckerten protestierend, dann flatterten sie davon.
„Und wann kommst du wieder?“
„Ich weiß es nicht.“ Ein Spielmann wusste niemals, wann er zurück nach Hause kommen würde. Deswegen klangen in seinen Liedern immer ein wenig Abschied und Trauer mit. Er wusste nur, dass es nicht in den nächsten Tagen und nicht in sieben Jahren sein würde. Fina war inzwischen eine – wie man ihm sagte – schöne Frau geworden. Er wollte nicht riskieren, dass der Gevatter es sich noch einmal anders überlegte, wenn er sie sah.
„Du passt auf dich auf, ja?“
Feobar nickte. „Natürlich, Schwesterchen.“
Er hatte nicht vor, es dem zu einfach zu machen, der inzwischen schon zu seinem Leben gehörte, sich ihm immer wieder zeigte, wie als wolle er ihn an sein Versprechen erinnern.
Als ob das notwendig gewesen wäre.

„Und beim nächsten Mal bringe ich dir noch einen Gürtel mit.“

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