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chija in fannish_chi

047. Fiction: Gerichtstag

Gerichtstag
Original: Schalmeienklänge (mine) | Feobar, Torín, Ninia, der Hinkende, der Richter, Fina | - | PG-13 | german | 1097 words


Es war eine dunkle und stürmische Nacht, als sie aufbrachen, und es war Gerichtstag, als er in seinem Heimatdorf ankam. Feobar weigerte sich, das als ein Omen sehen zu wollen, und den Gevatter mit dem Met in der Taverne auf dem Weg hatte er auch gekonnt ignoriert (am nächsten Morgen war die Wirtin gestorben).
Auf dem Marktplatz drängten sich die Menschen und Ninia, die ein gutes Geschäft witterte, war bei der ersten Gelegenheit in die Taverne verschwunden. Von Torin hatten sie sich mit dem Versprechen, sich in vier Wochen wiederzusehen, schon an der Küste getrennt. Eigentlich hatte der Hinkende bei ihm bleiben wollen, hatte stundenlang argumentiert, warum es ihm nicht möglich war, die anderen beiden nach Süden zu begleiten. Jetzt stand er neben Feobar und fluchte, weil ihm immer wieder das Feuer ausging, das er auf seine Fingerspitzen rufen wollte.
„Was ist los?“
„... nichts. ...Sag mal, hast du nicht erzählt, euer Hof liegt ein bisschen außerhalb?“
Feobar nickte, legte eine Hand an die nächste Hauswand und zeigte dann in eine Richtung. „Da den Hügel hinauf, du wirst die Häuser sehen können, wenn du über den Marktplatz gehst. Warum?“
„Kann ich da auf dich warten? Mir ist... hier sind so viele Menschen, da kann ich ohnehin nicht richtig Feuer spucken und...“
Feobar lachte. „.. und ich werde schon noch herausfinden, warum du die ganze Zeit schon von einem Bein aufs andere hüpfst wie ein junges Kaninchen. Wovor hast du Angst?“
„Vor gar nichts!“
„Entschuldige. Ich wollte dich nicht kränken. Geh schon. Aber du wirst vermutlich niemanden dort antreffen, meine Familie soll angeblich hier irgendwo sein, mein Vater streitet mit dem Schmied um ein Schwein. Aber du kannst...“
... durch den Stall ins Haus kommen, hatte er noch sagen wollen, aber der Hinkende war schon in der Menge verschwunden. Feobar hätte wirklich gerne gewusst, was ihn so unruhig machte. Schon seit Tagen trat er kaum mehr auf, hatte sich in den Tavernen, in denen sie übernachtet hatten, stets im Hintergrund gehalten, dabei ließ er sonst kaum eine Gelegenheit verstreichen, sich in seiner Kunst hervorzutun, oder mit einer hübschen Frau zu flirten. Manchmal war er schon ein komischer Kauz. Aber waren das ist alle Spielleute?
„Feobar?“
Er drehte sich herum, hob die Hände, und ertastete ein schmales Gesicht mit weicher Haut und einer hohen Stirn. Evelyn, die Tochter des Schmieds. Sie lachte. „Ich wusste gar nicht, dass du zurück bist!“
„Bin ich auch eigentlich nicht, ich wollte Fina nur etwas bringen. Weißt du, wo sie ist?“
Statt einer Antwort nahm Evelyn seine Hand und zog ihn mit sich.
„Sie schaut eurem Vater gerade dabei zu, wie er meinem Vater gerade vor Gericht die Hölle heiß macht“, erklärte sie auf dem Weg. „Er hat eure Stalltür repariert, zwei Tage später ist das Scharnier schon wieder gebrochen und jetzt fordert dein Vater das Schwein zurück, das er ihm als Bezahlung gegeben hat. Oder besser, was davon übrig ist. Das ist zwar für uns nicht besonders nett, wir hatten auf das Fleisch spekuliert, aber ich glaube, der Richter wird euch Recht geben. Es ist der Sohn des alten, sein Vater ist vor ein paar Wochen plötzlich gestorben. Er scheint tatsächlich gerecht zu sein und nur auf den Fall, nicht so sehr auf die Menschen zu schauen.“
„Und, nur damit ich informiert bin, Fina ist immer noch nicht verheiratet?“
„Nein. Sie hat bisher jeden Verehrer abgewiesen. So mancher behauptet, sie hebe sich auf, bis der verschwundene Fürstensohn zurückkehrt. Du kennst die Geschichte?“
„Ja.“
Er hörte die Füße scharren, als sich die Menge vor ihnen teilte, und sie auf das Rund in der Mitte des Marktplatzes traten.
„So spreche ich dir zu, Bauer, die Schinken des Schweins, das du dem Schmied gegeben hast, und eine Keule. Der Rest ist der rechtmäßige Besitz des Schmieds, der auch für die Arbeit Zeit aufgewendet hat, sei sie auch fehlerhaft gewesen.“
Eine schöne Stimme hatte er, der neue Richter vom Fürstenhof, verständnisvoll schien er zu sein, und tatsächlich gerecht.
Fina entdeckte ihn wenig später, als sie glücklich und mit Schinken beladen vom Marktplatz kam, ihre Eltern standen noch in einem Kreis von anderen Bauern und diskutierten, Feobar hörte ihre Stimmen.
„Was machst du denn hier? Ich würde dich ja jetzt echt gerne umarmen, aber ich hab die Hände voll. Seit wann bist du schon da?“
„Langsam, langsam. Bring mich zu Mutter und Vater und dann lass uns erstmal nach Hause gehen. Und hoffen, dass es noch nicht in Flammen aufgegangen ist. Ich habe einen Freund mitgebracht.“

Oder zumindest hatte er das gedacht.
Die Luft roch noch ganz leicht nach Lagerfeuer und die Ziegen mäh-ten leicht verstört, aber von dem Feuerspucker, den Feobar eigentlich in der Stube erwartet hatte, war weit und breit nichts zu hören.

Später saßen sie am Tisch, aßen, tranken und feierten die gewonnene Verhandlung mit den Resten des Schweins und Feobar erzählte von seinen Reisen, von den Menschen, die er getroffen, von den Orten, die er gerochen, gehört und gespürt hatte. Durch die Tür zur Stube drang der Duft von Heu und würzigen Kräutern herein. Der Hinkende war ein Spielmann, er würde sicherlich einen Platz zum Schlafen finden. Trotzdem sollte er willkommen sein.

Aber das war wohl das Letzte, was der Hinkende gerade im Sinn hatte.
Zusammengekauert saß er im Halbdunkel auf dem Fensterbrett eines der edelsten Häuser nahe der Burg. Eine junge Frau führte lachend ein Mädchen herein, unbeholfen tappste die Kleine über den strohbedeckten Boden. Der glückliche Vater ging auf die Knie, um seine Tochter aufzufangen, bevor sie sich die Knie aufschlug. Sie wirkten so harmonisch, so... glücklich.
Der Hinkende seufzte, dann sprang er behände vom Fensterbrett. Was tat es ihm Gutes, hier zu sitzen und den neuen Richter zu beobachten, der so zufrieden mit seinem Leben zu sein schien?
Er wusste schon sehr gut, warum er nicht hatte zurückkommen wollen.

Die Wache, vor deren Füßen er landete, stieß einen erschrockenen Schrei aus. „Heda, was soll das?“ Der Hinkende fluchte. Schon im Rennen zog er sich die Kapuze seines Reisemantels ins Gesicht. Er hörte den Mann hinter sich nach Verstärkung rufen, hörte rennende Schritte, die näher kamen. Sie durften ihn nicht erwischen. Wenn sie ihn erwischten, war alles aus.
Der Feuerspucker schwang sich an einem Sims nach oben und setzte seine Flucht über die Dächer fort. Vielleicht würden sie nicht damit rechnen. Er musste nur bis zum Stadttor kommen, dann war er sicher. Und konnte sich auf Feobars Hof irgendwo im Heu verstecken, wenn sie weiter nach ihm suchen sollten. Er hoffte, dass es nicht so war. Aber er kannte die Garde der Fürstin leider ein bisschen zu gut, um wirklich daran glauben zu können.

Comments

So schön... und doch traurig irgendwie <3