?

Log in

No account? Create an account
sad

chija in fannish_chi

034. Fiction: Tu puella felicia nube

Tu puella felicia nube
Original: Schalmeienklänge (mine) | Ninia, Torín | funeral | PG-13 | german | for the 120_minuten-challenge "Fesseln" (Sommerchallenge 2011) | 1114 words

Sie trugen Feobar zu Grabe an einem gewittrigen Sommernachmittag, an dem die Wolken tief hingen und die Luft auf seltsame Art zu sirren schien.
Sie, das waren Torín, der Trommler, Ninia, die Tänzerin, und der einzige Pfaffe im Umkreis, den erst beinahe die gesamten Einnahmen des vorherigen Abends dazu gebracht hatten, einen "gottlosen Spielmann" auf seinem Kirchhof angemessen unter die Erde zu bringen.
"So geben wir der Erde zurück, was der Erde ist…"
Ninia wandte den Blick ab und zuckte zusammen, als die erste Schaufel Erde auf den einfachen Holzsarg prasselte – zu mehr als einer besseren Kiste hatte ihr Silber nicht mehr gereicht, nachdem der Pfaffe bezahlt war. Dabei hatte Feobar so viel mehr verdient.
"Gräm dich nicht." Sanft legte Torín einen Arm um sie. "Wir haben getan, was wir konnten. Ich bin sicher, Feobar wäre zufrieden damit. Er warf noch einen langen Blick auf das Grab, dann führte er sie langsam davon. "Komm. Lassen wir den Totengräber seine Arbeit beenden. Du siehst aus, als könntest du etwas zu trinken gebrauchen. Und ich auch."

----

Sie suchten sich eine kleine Taverne, leisteten sich mehr Met, als sie sich hätten leisten können und setzten sich draußen auf eine einfache Bank, während hinter ihnen aus dem Schankraum das Grölen klang.
"Wir müssen es seiner Familie sagen. Seiner Schwester zumindest", begann Ninia, während sie ihre Schellenbänder aufschnürte und das Münztuch zusammenlegte. Eine Tänzerin in Trauer klimperte nicht.
"Und dem Hinkenden", ergänzte Torín. Ninia schaute ihn von der Seite an. "Dem Fürstensohn, meinst du."
"Ähm… ja. Dem. Fürstensohn hin oder her, Ninia, er war unser Freund. Er war Feobars Freund. Und er hat dich begnadigt. Also."
"Hat er nicht. Er hat mich verbannt. Was es schwierig machen könnte, ihm die Nachricht zu überbringen."
"Verdammt nochmal, Ninia!" Hätte ein Tisch vor ihnen gestanden, Torín hätte die Hände darauf gedonnert. So stand er nur wütend auf und baute sich in seiner gesamten beeindruckenden Größe vor der Tänzerin auf, die deutlich erschreckt zu ihm aufsah. Torín wurde niemals wütend.
"Unser Freund ist tot. Einfach so. Und du denkst nur an dich und irgendwelche Altlasten? Und lass diese koketten Sprüche sein. Siehst du es nicht, oder willst du es nicht sehen? Es ist zu Ende."
"Ja, es ist zu Ende!" Nicht weniger wütend, und nicht weniger laut, sprang Ninia auf und stieß Torín mit beiden Händen vor die Brust. Weniger von der Kraft als vielmehr von der Aussage der Geste getroffen taumelte er einen Schritt zurück. "Es ist zu Ende und du hast nichts besseres zu tun, als mich anzubrüllen, weil ich versuche, auf meine Art mit all dem umzugehen. Es ist vorbei und du…" Sie bracht ab, schüttelte den Kopf und rauschte an ihm vorbei, nur um am Rand des staubigen Vorplatzes der Taverne stehen zu bleiben, die Arme um die Körper zu schlingen, und zu schluchzen.
Einen Augenblick lang stand Torín einfach nur da, dann ging er ihr langsam nach und legte eine Hand auf ihre Schulter. "Ninia. Es… es tut mir Leid. Wirklich."
Ihre schmalen Schultern bebten. "Ich… ja." Sehr undamenhaft zog sie die Nase hoch, ehe sie sich zu Torín umdrehte. Mit verheulten Augen sah sie ihn an und wirkte dabei unglaublich kindlich. "Mir auch, Torín. Mir auch."

-----

Sie brachen am nächsten Morgen auf. Die Wanderung in Feobars Heimatdorf und damit in das Reich des Fürsten, dessen Sohn sie einst als Feuertänzer begleitet hatten, würde weit sein. Eine lange Zeit liefen sie schweigend nebeneinander her, Torín mit seiner Trommel auf dem Rücken, Ninia mit dem großen Beutel mit ihren Kostümen, Schellen, Schleiern und Tamburinen, aus dem doch hin und wieder ein leises Klimpern erklang, bis Torín Ninia beinahe schüchtern von der Seite her ansah.
"Was?"
"Und jetzt?"
"Was meinst du?"
"Was kommt jetzt? Für dich? Wohin gehst du? Das, was war, ist vorbei. Wie geht es jetzt für dich weiter?"
Ninia zuckte die Schultern. "Weiterwandern. Tanzen. Weiter den Männern das Silber aus dem Beutel ziehen. Einfach irgendwie weitermachen." Sie seufzte. Torín berührte sie vorsichtig tröstend am Arm. Es entlockte Ninia ein kleines Lächeln. "Und du?"
Wider erwarten blieb Torín stehen und setzte die Trommel ab. Verwundert beobachtete Ninia, wie er nach Worten zu suchen schien und ihr dann direkt in die Augen schaute.
"Ich komme aus einem Bauerndorf in den Ausläufern der Nordberge. Von Geburt bin ich ein Bauer. Und langsam sehne ich mich nach dem ruhigen Leben. Ich habe überlegt, einen Hof aufzubauen. Der Krieg hat viele Gehöfte leer gelassen. Und…" Wieder schien er nach Worten zu suchen. "Ich wollte dich fragen, ob… ob du mit mir gehen würdest. Als meine Gefährtin." Wieder eine Pause. "Als meine Frau."

Ninia starrte ihn an.

"Du…" Sie konnte nicht fassen, was da gerade passiert war. Und sie merkte, wie sich ihr die Kehle zuschnürten. "Du… hast du mir gerade einen Antrag gemacht?"
Torín schwieg.
Mit Mühe schüttelte Ninia das Lähmungsgefühl ab, dass sie plötzlich zu befallen schien, und fing an, ruhelos ab und ab zu gehen. "Ich… Torín, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Warum in aller Welt willst du ausgerechnet
mich
heiraten?"
Torín murmelte etwas in seinen nicht vorhandenen Bart.
"Bitte?"
"Weil ich dich liebe, verdammt! Weil ich dich seit Jahren liebe, Ninia. Und weil ich möchte, dass wir unser Leben zusammen verbringen. Auf unserem eigenen kleinen Hof. Als Mann und Frau."
Ninia blieb stehen. "Oh Torín." Sie trat einen Schritt auf ihn zu und wollte seine Hand nehmen, aber er wich ihr aus, weil er wusste, was kommen würde, weil er es geahnt hatte, die ganze Zeit. "Torín… du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr mich das ehrt, was du gerade gesagt hast. Du bist ein wundervoller Mann und jede andere Frau wäre sicherlich unglaublich glücklich, die Deine zu werden. Aber…" Sie begann erneut, auf und ab zu gehen. "Ich kann nicht, Torín. Ich muss wandern. Ich bin eine vom Bunten Volk. Du kannst mich nicht in ein Haus zwingen. In einen Hof. Ich muss frei sein. Ich muss frei sein, sonst…" Sie blieb stehen, ließ die Hände sinken, die sie vorher gestikulierend erhoben hatte und sah den Trommler unendlich traurig an. "Sonst gehe ich ein. Es tut mir Leid. Torín, es tut mir so unendlich Leid."
Wieder streckte sie die Hand nach ihm aus und diesmal ließ er zu, dass sie sie auf seinen Arm legte. Es schien, als kämpfe er Tränen hinunter, ehe er antwortete: "Schon gut. Ich verstehe dich, Ninia. Du bist frei geboren, du wirst immer frei sein müssen. Aber wenn du irgendwann ein Heim suchst… einen festen Ort, an den du dich flüchten kannst… dann wird meine Tür immer für dich offen stehen, ja?"

Unter den Tränen, die ihr inzwischen über das Gesicht liefen, lächelte Ninia. "Ja, Torín. Oh ja."

Comments