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chija in fannish_chi

035. Fiction: Ninia

Ninia
Original: Schalmeienklänge (mine) | Ninia, Torín, Feobar | - | PG-13 | german | 1125 words

Er hörte das Klirren ihres Tamburins und das klingeln der Glöckchen an ihren Fesseln und Hüften und das klatschen ihrer nackten Füße auf dem Holz des Tisches und er stellte sich vor, dass sie jung war, und dass sie lange Haare hatte, die ihr über den Rücken fielen, und dass sie lachte, während sie tanzte und dabei ihre Augen schloss, um ganz zu versinken in den dumpfen Klängen von Torins Trommel.
"Beschreib sie mir."
Torin ließ die Klänge anschwellen und in einem letzten, aufbäumenden Staccato mit dem Klingen verschmelzen, das die Tänzerin umgab und dann ließ er seine Trommel verstummen und die Menge in der Taverne johlte und klatschte. Münzen klangen auf Münzen, die Tänzerin sprang vom Tisch und ließ einen Beutel herumgehen. Feobar wusste, dass Torin ihr mit den Augen folgte.
"Sie sieht jung aus, vielleicht so alt wie du, wenn überhaupt. Sie trägt ein braunes Kopftuch, die Haare, die man trotzdem sieht, sind auch braun." Torin hatte noch nie besonders gut beschreiben können, aber er gab sich redlich Mühe. "Groß ist sie nicht, ich würde sagen, sie geht mir knapp bis zur Brust, ein bisschen kleiner als du. Gerade steht sie vor einem von den beiden Soldaten, von denen ich dir vorhin schon erzählt habe und…"
"Was ist?" Torin hatte plötzlich gestockt. "Komm schon, was macht sie?"
"Sie hat ihn geküsst. Und er hat ihr wohl was gegeben." Vorher hatte er fast bewundernd geklungen, jetzt wurde seine Stimme kalt. "Vergiss es, Feobar. Sie sieht zwar ganz nett aus und klingt vielleicht ganz nett, aber das Mädchen ist ne Hure."
"Schade. Das, was du erzählt hast, klang eigentlich gar nicht schlecht."

"Auf, Spielmann, pfeif uns noch ein Liedchen! Trommler, schwing die Hände!" Bis sie das Zelt verließen, bis die Menge sie gehen ließ, war es spät in der Nacht, eigentlich fast schon wieder morgen. Torín gähnte herzhaft und hielt sich eine bärengroße Pranke vor den Mund. Feobar streckte sich. "Kann man hier irgendwo schlafen?"
Törin sah sich um. "Nun, wir haben heute Abend genug verdient, um uns ein Zimmer oben zu nehmen. Oder… da drüben ist ne Scheune, möglicherweise können wir da…"
"Sei mal ruhig." Feobar hatte eine Hand gehoben und bewegte langsam den Kopf hin und her, als versuche er, einen Klang aufzufangen. "Hörst du das?"
Törin seufzte fast entnervt auf. "Natürlich nicht. Was denn?"
"Da weint jemand."
"Ach ja?"
"Ja. Da weint eine Frau. Irgendwo da drüben." Er deutete vage in Richtung der Scheune, die Torín ihm gerade beschrieben hatte. "Siehst du etwas?"
"Nein…" Torín hielt inne. "Wobei… Moment… ich glaub, da steht jemand."
Vorsichtig gingen sie näher, so lange, bis Torín die Gestalt genauer erkennen konnte und Feobar am Ärmel packte. "Vergiss es. Das ist die Hure von vorhin. Wahrscheinlich hat ihr Freier ihr zu wenig bezahlt. Die ist es nicht wert, dass wir uns um sie kümmern."
"Sie klingt ganz schön verzweifelt."
"Ja, und?"
"Torín!", brauste Feobar plötzlich auf. "So kenne ich dich ja gar nicht! Was zur Hölle hast du für ein Problem mit dieser Frau? Du weißt überhaupt nichts über sie. Und sie steht da rum und weint. Du kannst ja machen, was du willst, ich geh jetzt zu ihr rüber."
Feobar spürte, wie Torín die Hand hob, um ihn aufzuhalten, aber er ignorierte seinen Freund. Das Mädchen hatte inzwischen aufgehört, zu schluchzen und er hatte das dumpfe Gefühl, dass sie zu ihm rübersah als er auf sie zuging, in die Richtung, aus der er gerade noch ihr weinen gehört hatte.
"Hallo."
"Seid gegrüsst." Ihre Stimme war schwer von den Tränen, aber angenehm und weich. "Wie… kann ich Euch helfen?" Sie hatte offenbar bemerkt, dass Feobar sie nicht sehen konnte und bemühte sich, sich nichts anmerken zu lassen, aber das leise Zittern hinter ihren Worten verriet sie.
"Wie heißt du?"
"Warum wollte Ihr das wissen?"
"Weil es mich interessiert. Mein Freund hat mir deinen Tanz beschrieben. Er war sehr beeindruckt von dir. Abgesehen davon stehst du hier im Dunkeln und weinst vor dich hin."
"Ich weine nicht."
"Ich glaube dir nicht."
Einen Augenblick lang schwieg sie. Dann, mit einem plötzlichen Aufschluchzen, warf sie sich Feobar an den Hals, so heftig, dass er zwei Schritte zurücktaumelte.
"Ruhig… ruhig." Vorsichtig legte er die Arme um sie. Schmal war sie, etwas kleiner als er, mit langen, weichen Haaren. Sie duftete nach Räucherwerk und Honigwein.
"Sie sind weg! Sie sind einfach weg!"
"Wer ist weg?"
"Meine Familie! Ich habe meine Familie verloren. Ich habe doch nur… und sie… sie…", ihre Worte gingen in immer neuen Schluchzern unter. Feobar hatte zwar keine Ahnung, wovon sie sprach, aber er hielt sie trotzdem weiter fest, bis sie sich langsam zu beruhigen schien und wieder auf eigenen Füßen stehen konnte. Reichlich undamenhaft zog sie die Nase hoch. "Entschuldige."
Feobar schüttelte den Kopf. "Nicht. Ich verstehe dich. Es ist furchtbar, seine Familie zu verlieren. Was ist ihnen passiert, wie sind sie gestorben?"
Auch, wenn er es nicht sah, hätte Feobar schwören können, dass das Mädchen ihn verdutzt anschaute. "Gestorben? Sie sind nicht gestorben, Herr. Sie sind weitergezogen. Ohne mich! Während ich noch in der Taverne war und… und da sind sie einfach weitergezogen. Sie haben nicht einmal auf mich gewartet!" Und wieder drohte ihre Stimme zu kippen, sodass Feobar ihr erneut eine Hand auf die Schulter legte – glücklicherweise hatte sie sich nicht sonderlich viel bewegt, sodass er die Schulter auch traf. "Du bist vom Bunten Volk?"
Das Mädchen nickte, er spürte, wie ihre Haare über seine Hand streiften, dann schien ihr bewusst zu werden, dass er ihre Geste nicht hatte sehen können und sie bejahte noch einmal laut. Feobar lächelte. "Dann sind wir gar nicht so unterschiedlich. Ich bin Spielmann, ich spiele die Schalmei. Und mein Freund da hinten", er deutete auf die Stelle, an der Torín gestanden hatte und hoffte einfach, dass der nicht weggegangen war, "ist Trommler. Ich bin übrigens Feobar."
"Hm." Das Mädchen schien ihn, dann Torín, der offenbar noch dort stand, wo er gestanden hatte, und sie vermutlich missmutig beobachtete, zu mustern. "Ninia."
"Freut mich, Ninia."
"Ihr seid also Spielleute." Ninias Stimme hatte plötzlich einen fast geschäftsmäßigen Ton angenommen.
"Ja."
"Ich tanze. … Unter anderem."
"Ich weiß."
"Das würde doch ausgesprochen gut zusammen passen. Dann ziehe ich ab jetzt einfach mit euch. Und vielleicht finde ich dann irgendwann meine Familie wieder. Dein Freund schüttelt dahinten übrigens ziemlich heftig den Kopf, was will er denn sagen?"
Feobar konnte nicht anders, er musste lachen. "Ach, weißt du, Torín ist ein bisschen schüchtern. Er hat vielleicht Angst, wenn eine Frau mit uns reist. Aber das wirst du ihm sicherlich abgewöhnen."
Er streckte die Hand aus und sie legte ihre hinein, die noch kleiner und zarter war, als er es erwartet hatte. Bei den Göttern, wie alt mochte dieses Mädchen sein? "Also, Ninia: Willkommen in unserer Familie."

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